Wir sind sehr dankbar für allen Dienst, den Armin Härtel in unserer Gemeinde getan hat, als auch für allen Dienst, den er als Bischof der EMK in der DDR leistete. In Amerika mit dem Ruf belegt, ein kommunistischer Bischof zu sein, war er nichts weniger als das.
Gefragt um einer Stellungnahme zum Verhältnis Staat und Kirche schreibt er uns folgendes:

Lieber Bruder Wannhoff,
Kein Land des Ostblocks hatte so vielfältige geschichtliche und menschliche Bindungen an ein westliches Land wie die DDR zur BRD. Eben deshalb hat die SED eine besonders radikale Abgrenzungspolitik und Ideologisierung der Gesellschaft betrieben - radikaler als viele andere osteuropäische Staaten.

Darum muss man den großen Unterschied erkennen zwischen dem politischen System und den Menschen, die unter ihm gelebt haben, sich unter ihm orientieren mussten und auch desorientiert worden sind.

Wir müssen uns immer wieder vor Augen halten, zur Vorderbühne unseres Lebens gab es die geheime Hinterbühne der Machthaber. Darum erschien es den meisten von uns gut, mit dieser Vorderbühne nur das Nötigste zu tun zu haben und sich ansonsten in die eigene Nische zurückzuziehen.

Wie sollen wir heute solche Haltung beurteilen ? Wir brauchen dafür Maßstäbe. Dabei müssen zwei Extreme vermieden werden. Einfach die Maßstäbe westlicher Normalität anzuwenden wäre abstrakt und

abstrakt und ungerecht. Andererseits ist der Grundsatz "Wer das nicht selber erlebt hat kann das ach nicht beurteilen" absurd. Dann könnte am Ende nur noch jeder sich selbst beurteilen. Und die deutsche Einheit wäre damit einmal mehr in Frage gestellt. Wie aber findet man unter diesen Überlegungen zu einem gerechten gesamtdeutschen Urteil über die Rolle der Kirchen in der DDR-Wirklichkeit? Hilfreich ist dabei auf alle Fälle, dass man das Verhältnis von Staat und Kirche in der DDR in Betracht zieht Die Verfassu ng der DDR von 1949, die bis 1968 galt, hat den Kirchen ungefähr dieselben Rechte eingeräumt wie die sog. "Weimarer Verfassung" vorher. Die SED hat sich aber an diese Verfassung nicht gehalten. Und eine Verfassung wird wertlos wenn der Rechtsweg versagt ist. Verfassungsrechte konnten nirgends eingeklagt werden. Der Staat hatte also freie Hand für eine Politik der kleinen Nadelstiche gegen die Kirche. Die einfachsten Dinge wurden deshalb zum Gegenstand langwieriger Verhandlungen bis auf höchste Ebenen. Genauer gesehen waren das aber nicht Verhandlungen zwischen Partnern, sondern Bittgänge. Erfolg war solchen Bittgängen nur beschieden wenn sie auf Wohlwollen trafen, wenn also der staatlichen Stelle plausibel gemacht werden konnte das es in ihrem Interesse sei der Bitte nachzukommen, also z. B. Mit dem Argument, dass sonst mit einer Beunruhigung der Bevölkerung zu rechnen sei, oder dass das Verhältnis zwischen Staat und Kirche belastet werde. Die Kirche konnte jedenfalls weder vor Gericht ziehen noch an die Öffentlichkeit. Denn beide Wege waren von der SED blockiert. Eine Unterschriftensammlung zur Unterstützung eines kirchlichen Anliegens hätte bereits einen Straftatbestand dargestellt.


Die Spielräume der Kirchen waren eine Mischung von jederzeit widerrufbaren Gewohnheitsrechten und gewohnheitsrechtlichen Illegalitäten. Zu diesen Illegalitäten gehörten etwa die Treffen mit westdeutschen Kirchenleuten in Ungarn oder in Prag, oder die kirchliche Vervielfältigungspraxis. Aber ebenso auch kirchliche Veranstaltungen, die nicht eindeutig als Gottesdienst oder Unterricht zu bezeichnen waren wie z.B. Gemeindeseminare oder Rüstzeiten. Für die verlangte nämlich der Staat eine Zeitlang faktisch eine Genehmigung. Die Kirchen haben sich aber geweigert diese Veranstaltungsverordnung anzuerkennen und haben lieber Bußgelder bezahlt, bis die Ordnung modifiziert wurde. Staatsvertreter haben manchmal sogar damit geprotzt: Wenn wir wollen, stecken wir jeden ins Gefängnis weil er Dreck am Stecken hat - Denn es wurde ja alles reglementiert.

Nach marxistischer Auffassung war ja die Religion zum Aussterben verurteilt. In der Frage, ob und wie man das befördern solle, hat die SED mehrere Kurskorrekturen vorgenommen. Im Frühjahr 1953 wurde für einige Monate ein regulärer Kirchenkampf inszeniert mit Verhaftungen, Aktionen gegen kirchliche Jugendgruppen und Enteignungen kirchlicher Einrichtungen. Aber noch vor dem 17. Juni wurde er abgebrochen ("Neuer Kurs ", gleiches Ziel). Bis in die 60iger Jahre nahmen die Spannungen wieder zu. Das Ziel blieb auf Seiten der SED unverrückt und wurde so auch ausgesprochen.

Wir hatten in der DDR eine Diktatur, die sich selbst "Diktatur des Proletariats" nannte, in Wahrheit aber die des Politbüros war. Diktatoren sind mit Geiselnehmern vergleichbar und die Bevölkerung mit Geiseln Mit diesem Vergleich lässt sich unsere damalige Situation ganz gut beschreiben. Wie konnte man sich in ihr verhalten?
a ) Man konnte still über sich ergehen lassen, was geschieht.
b ) Man konnte sich auf die Seite der Geiselnehmer schlagen.
c ) Oder man konnte dieses oder jenes zu bewerkstelligen versuchen. Dann durfte man aber nicht sagen " Geiselnehmer seid ihr und ich verachte euch " Sondern etwa so : "Ich verstehe euch ja aber ". Erfahrungsgemäß stellt sich ja zwischen Geiselnehmern und Geiseln nach und nach ein nicht nur feindseliges Verhältnis ein. Und das ist genau der kritische Punkt, die Gefahr des "Ich verstehe euch ja" so groß werden zu lassen, dass man sagen muss: Nun hast du dich doch auf die Seite der Geiselnehmer geschlagen.

Ich verweigere niemandem den Respekt der sich gegen die DDR-Verhältnisse laut und kompromisslos aufgelehnt hat, ins Gefängnis gegangen oder in den Westen gedrängt worden ist. Ich widerspreche aber allen, die das nachträglich zum kategorischen Imperativ erklären möchten und die so tun, als hätten wir es bloß mit Papiertigern zu tun gehabt. Die Kirche selbst konnte, ja durfte jedenfalls nicht auswandern! Wenn sie weiter wirken wollte im Auftrag ihres Herrn, der ihr sagte " Gehet hin in a l l e Welt dann musste sie auch etwas für ihre Selbsterhaltung tun, also für die Erhaltung ihrer Handlungsmöglichkeiten. Selbsterhaltung ist ja nicht verwerflich, sondern jedermanns Pflicht Die Grenze ist erst dann überschritten, wenn die Selbsterhaltung zur Selbstaufgabe wird d.h. wenn die Kirche - statt sich um ihres Auftrags willen zu erhalten - ihren Auftrag verletzt, um es sich bequem zu machen.

In meiner letzten Bischofsbotschaft, die ich an unsere Zentralkonferenz in der DDR am 13. Juni 1984 in Lauter gegeben habe, nahm ich zu der Thematik um das Verhältnis von Kirche und Staat folgendermaßen Stellung : "Unsere zwischenmenschlichen Beziehungen vollziehen sich innerhalb der sozialistischen Gesellschaft unseres Landes. Die Frage der Integration der Kirchen in sie ist differenziert zu sehen. Hinsichtlich des sozialistischen Systems können und dürfen die Kirchen nichts anderes sein als nicht integrierte Institutionen. In der Botschaft der Bischöfe an die diesjährige Generalkonferenz heißt es dazu mit großem Recht: "Die Kirche ist weder kapitalistisch noch sozialistisch Sie steht über allen Wirtschaftssystemen und beurteilt deren Handlungsweisen. Dabei ist ihr alleiniges Kriterium, inwieweit diese das umfassende Wohlergehen aller Menschen im Auge haben" - Das setzt für die Kirchen jedes Landes - auch des unsrigen - voraus, dass sie eigenständig und eigenprofiliert bleiben. "Kirche im Sozialismus" ist so wenig "sozialistische Kirche" wie der Sozialismus "kirchlich" ist. Der Preis für solche Eigenständigkeit besteht darin, dass die Kirche keine Privilegien beansprucht. Dazu hat sie jedoch vom Evangelium her auch keinerlei Veranlassung. Was sie sich hingegen in jeder Gesellschaftsordnung erbitten muss ist das Recht, ihrem Herrn Jesus Christus ungehindert dienen zu können sowohl gottesdienstlich als auch bezüglich der christlichen Existen ihrer einzelnen Glieder. Und wir werden als Ev.meth. Kirche in der DDR dabei in dem Maß unseren Weg zwischen den Klippen grundsätzlicher Akklamation und grundsätzlicher Opposition hindurch finden, in dem wir der Proklamation dienen "Lasset euch versöhnen mit Gott" (2.Kor.5.20) und demzufolge auch im Dienst der Versöhnung unter den Menschen stehen.
Herzlich grüßt Sie Ihr Armin Härtel

1989finden in Leipzig die Montagsdemonstrationen statt. Der Ruf "Wir sind das Volk" erschallt auch in Chemnitz.

Kerzen und Demonstrationen lassen im November 1989die Mauern fallen. Viele heutige Glieder der Gemeinde erlebten den Mauerfall bei der Armee und wie schnell die DDR sich mit der BRD wiedervereinigte. Frank Bennewitz und Andre Rochlitzer verweigerten den Wehrdienst an der Waffe und mussten als Bausoldaten arbeiten. Sie berichten von dieser Zeit als eine Zeit in der der Druck schlagartig nachließ.

Nachdem im April eine Volksabstimmung eine große Mehrheit ergeben hatte, wurde am 1. Juni die Stadt zurück benannt in Chemnitz. Die Wende und die Wiedervereinigung brachten erfreulicherweise neue Rede- und Meinungsfreiheit mit sich Wir konnten wieder frei und offen von Gott reden. So kommt es nach 40 Jahren des Rückganges an Mitgliedern ab 1991wieder zu einem bis heute anhaltenden Anstieg. Aber die Wende brachte auch Probleme mit sich. Angestammte Industrie zerbrach oder ging Pleite, Menschen wurden arbeitslos und zogen weg. Die Kosten für Mieten und Lebenshaltungskosten stiegen überproportional an.

Anfang 1991 steht für die kleine Außengemeinde Limbach-Oberfrohna eine Mieterhöhung von 337% an, wobei schon eine weitere Erhöhung angekündigt wurde. Die Kosten waren nicht mehr aufzubringen und damit war das "Aus" in Limbach-Oberfrohna programmiert. Die Glieder aus Limbach, die über all die Jahre dort Stützen waren, sie besuchen heute die Gottesdienste in Chemnitz. Stellvertretend seien hier die Geschwister Rainer und Rosi Franke genannt.

XI. Die Zeit nach der Wende neue Herausforderungen

Mitte 1992 wird uns zum zweiten Mal Horst Sterzel als Gemeindepastor zugewiesen.

Seine zweite Dienstzeit ist bestimmt vom Baugeschehen. Alle Versäumnisse der DDR-Mangelwirtschaft sollen nun aufgeholt werden. Endlich möchten wir wirklich ordentliche bauliche Einrichtungen haben. Unter seiner Führung musste 1993 das Kirchendach der Erlöserkirche neu eingedeckt werden. Für dieses Vorhaben wurden 32.815,15 DM ausgegeben.
Außerdem erhielt die Kirche eine Einfahrt für Rollstuhlfahrer, neue Fenster und eine anfangs wenig effektive Fußbodenheizung. Zwangsläufig erforderte die neue Heizung auch eine Erneuerung des Holzfußbodens. Die Kirche erhielt einen gefliesten Fußboden und wurde dann auch noch malermäßig renoviert. Von den schließlich insgesamt benötigten 67.000,- DM hat die Gemeinde über 32.000DM aus eigenen Mitteln aufgebracht. Zu dieser Summe kommen noch die freiwillig geleisteten Arbeitstunden, die in Geldwert ausgedrückt nochmals rund 30.000,- DM betrugen.
Kaum war die eine Arbeit getan standen schon wieder neue Maßnahmen an. Die bröckeligen Fassaden von Kirche und Nebengebäude bedurften dringend einer Erneuerung. Schon wieder brauchten wir Geld. Also beantragten wir erneut bei der Behörde für finanzielle Angelegenheiten der OJK im Februar 1994 die Genehmigung für eine Objektsammlung in Höhe von 31.000,- DM.

Zu der neuen Belastung kam erschwerend noch hinzu , dass durch den Mangel an Pastoren ab
5. September 1994 unser Gemeindebezirk nun auch noch die Verantwortung für die Gemeinden Flöha und Augustusburg mit übernehmen musste. Seitdem heißen wir Gemeindebezirk
Chemnitz/Flöha. Die neuen Aufgaben waren für alle Seiten belastend. Unzufriedenheit kam vor allem von den in Flöha und Augustusburg wohnenden Pastoren im Ruhestand auf, indem wir beschuldigt wurden nur die eigenen Interessen wahrzunehmen, obwohl wir in alle ein einzelnen Ausschüsse Brüder der neuen Gemeinden eingegliedert hatten. Leider standen auch in Flöha und in Augustusburg viele Reparaturen an, wobei für die Sanierungsmaßnahmen in Augustusburg Geldmittel zu veranschlagen waren, die unseren Haushalt völlig überforderten und auch mögliche Spendenbitten in nicht zu akzeptierende Höhen gebracht hätten.

Aber auch der Besuchsdienst des Pastors weitete sich immer mehr aus und die Gottesdienste konnten nur noch durch die Unterstützung der Pastoren im Ruhestand und durch die Laienprediger aufrechterhalten werden.
Ab 01.05.1997 gab es in der Erlöserkirche keinen Hausmeister mehr. Die Arbeiten wurden auf Schwestern und Brüder verteilt. Die Hausmeisterwohnung - ebenfalls sanierungsbedürftig - stand nun leer, wurde aber zum Teil vom Kindergottesdienst genutzt.
Trotz der vielen Baumaßnahmen, diese Zeit ist geprägt auch vom Wachstum der Gemeinde. An wichtigen Errungenschaften wird festgehalten, hier sind insbesondere die Hauskreise als Nachfolger des Klasswesens, sowie die Bibelstunde als gemeinsame Zeit eben auch des Gebetes genannt.

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